Gestern morgen flatterte sie in meinen Briefkasten: Die perfekte Symbiose Italienischer, Mexikanischer und Chinesischer Kultur! Eine Ode an den guten Geschmack! Ein Wunder der Verbraucherinformation! Die Rede ist von der Speisekarte der Pizza Media. Wie schafft es dieser Flyer zeitgleich meinen Wissensdurst und meinen Bärenhunger zu entfachen? Eine Analyse:
Die Aufgabe war nicht leicht: Ganze dreihundertdreiundsechzig Gerichte plus Getränke galt es unterzubringen — und dabei sollte die Karte auch noch eine Geschichte erzählen. Um all das bewerkstelligen zu können, wurden einige raffinierte Kniffe angewandt.

Format und Papier

Um der enormen Anzahl an Speisen genügend Raum zu schaffen, entschied man sich für ein DIN A3-Format, welches von der Druckerei in der Mitte auf A4 gefaltet, und vom Prospektträger auf ein, für den einfachen Einwurf geeignetes, A5-Format gebracht wird. Das 180g starke Papier ist mit einer glänzenden schmutz- und fettabweisenden Schicht überzogen. Ein klarer haptischer Hinweis auf das von Pizza Media verwendete Gemüse, welches ebenfalls in Plastik verpackt angeliefert wird.

Titelseite

Pizza_Media_Logo
Auf der Titelseite prankt groß und deutlich der Name der Gastronomie: „Pizza MEDIA“. Ein Schwungvolles Logo, welches sofort klar macht, um was es hier geht: Einen Lieferdienst für Italienische, Mexikanische und Chinesische Gerichte. Der Schriftzug „Pizza“ wurde in den Nationalfarben Italiens gehalten, und ist leicht nach links gekippt. Dadurch deutet das „i“ den schiefen Turm von Pisa an. Genial!

Die Buchstaben „M; E; D; I [und] A“ sind jeweils auf einem illustrierten Computermonitor dargestellt. Ganz eindeutig, eine Infragestellung der Materie: Druckertinte und Computer-Rendering geben sich die Pinsel in die Hand, Illustration und Grafik machen gemeinsame Sache, Analog und Digital verschmelzen — was ist hier noch real? Eine Frage die wunderbar mit dem Gastronomiekonzept der Pizza Media harmoniert.


Pizza_Media_Front_Unten

Unter dem Logo stehen die Produkte im Rampenlicht. Wie ein Filmstreifen durch den Projektor rauscht die schier unendliche Masse an Gerichten am Betrachter vorbei. Die Werbung ist hier das Hauptprogramm, und dem Kunden wird klar: Bei Pizza Media wird Essen bestellen zum Film. Es beginnt mit der Speisekarte. In Stile Jumanjis muss die Familie ein packendes Rätsel lösen. Danach folgt die Bestellung, die zu einem anderthalbstündigen, nervenzerreissenden Psychotrhiller mutiert, und mit der Lieferung und einem unvorhergesehenen Plottwist endet.


Pizza_Media_Front_Oeffnungszeiten
Aber es gibt noch eine Ebene über dem Motiv. Ein weißes Textfeld, mit den Öffnungszeiten und weiteren Hinweisen zur Bestellung. Perfekt zentriert gesetzt, sind hier die einzelnen Informationen in einem farblichen Dreiklang gegliedert. Die rote Überschrift „Neue Öffnungszeiten“ signalisiert schon durch die virtuose Streckung in die Höhe, dass die neuen Öffnunszeiten länger sind als die alten. Der zweite Teil, die in blau gesetzen Öffnungszeiten dienen der Verwirrung des Lesers. Denn obwohl die Information im Kern lediglich „11:00-01:00 Uhr | Fr. + Sa. + vor Feiertagen 11:00–01:30 Uhr“ ist wurde diese in ein kompliziertes Zahlenrätsel verwandelt. Der Grund liegt auf der Hand: Der Kunde soll sich keine Gedanken über die Öffnungszeiten machen sondern einfach anrufen. Vorbeikommen soll der Kunde hingegen nur noch in Extremfällen, denn das Essen gehen wurde weitestgehend outgesourced. Deshalb finden wir die Adresse auch lediglich im kleinsten, schwarz gedruckten Teil des weißen Textfeldes bei den unwichtigen Informationen.


Pizza_Media_Front_Website
Wenn die Menschen eine Adresse ansteuern sollen, dann die im Internet. Die Adresse pizzamedia-food.de – die sogar noch neuer ist als die Öffnungszeiten (siehe doppeltes Neu!) – vereint italienische, und englische Begriffe unter einer deutschen TopLevel-Domain. Das ist gelebter Multikulti, und kommt nach neuesten Marktstudien in der relevanten Zielgruppe besonders gut an.


Pizza_Media_Front_Telefonnummer

Doch bevorzugt wird ganz klar der Telefonweg. Hier bietet Pizza Media seinen Kunden deshalb auch gleich drei Telefonnummern an. Zwei Dauerhafte Breitband-Festnetzleitungen ins CallCenter sowie eine Durchwahl direkt aufs Handy des Chefs. Das ist Kundennähe und Commitment.


Pizza_Media_Front_Blech
Ansonsten finden wir auf dem Titel noch eine Bewerbung der Spezialität Nr. 71, das Pizzablech. Ein viertel Quadratmeter Pizza wird hier zum unschlagbaren Preis von 24€ angeboten. Das Textfeld lehnt sich farblich an das der Öffnungszeiten an, aber hat doch seinen ganz eigenen Charakter. Denn das Weiß ist hier nicht transparent, sondern solide. Eine geschickte visuelle Metapher für die Härte des Pizzablechs.

Innenseiten

Nach der Entschlüsselung der Titelseite ist die Entscheidung des Kunden klar: Hier wird gegessen! Also schlägt er die Innenseiten auf und bekommt die geballte Ladung der kulianrischen Ergüsse von Pizza Media zu Gesicht.
Pizza_Media_Speisarte_Innen
Emotional wurde der Kunde auf der Vorderseite abgeholt, jetzt geht es darum ihn mit Information zu füttern. Deshalb gibt es im Innenteil eine Auflistung aller Speisen. Diese sind minutiös, in numerischer Reihenfolge aufsteigend sortiert. Einziges Bild im Innenteil ist eine Freiheitsstatue die den Kunden unbewusst an seine Freiheit erinnert, so viel essen zu können wie er möchte.


Pizza_Media_Innen_Pizza
Für die obligatorischen Hinweise auf Zusatzstoffe wurde eine besonders pfiffige Lösung gefunden. Die Zahlen und Buchstaben, die auf solche Stoffe verweisen, werden präsent an die Überschrift gehangen. Dadurch wird dem Kunden sofort ersichtlich, dass in diesem Betrieb Qualität noch Qualität* ** *** geschrieben wird. Dazu fühlt sich Pizza Media seinen Kunden verpflichtet.

Rückseite

Pizza_Media_Speisekarte_Rueck
Auf der letzten, der Rückseite gibt es für alle, die nach dem Innenteil noch ein wenig Lust auf Fleisch oder einen Besuch in China Town haben, hier die Gelegenheit. Auch diese Seite versprüht, wie die Innenseiten, den Charme eines Telefonbuchs.

Fazit

Insgesamt ist dieses Faltblatt eine eckige Sache und ein wunderbares Stück Zeitgeschichte. Das Abonnement können Sie sich ab sofort mit einem Umzug nach Köln Ossendorf sichern.