Auf dem Sundance Film Festival 2016 führten der neuseeländische Journalist David Farrier und der Regisseur Dylan Reeve erstmals ihren gemeinsamen Film „Tickled“ vor. Die Dokumentation dreht sich um ein Unternehmen, welches Dauer-Kitzel-Wettbewerbe („competitive endurance tickling“) mit jungen Männern veranstaltet, filmt und online verbreitet. Was Farrier zunächst für unterhaltsamen Stoff für einen Fernsehbeitrag hält entpuppt sich schnell als ein weltweites Netz aus morbiden Machtspielen und Psychoterror. Ihre Suche nach dem Ursprung von Jane O’Brien Media führt Farrier und seinen Freund Reeve in die Vereinigten Staaten.



In dem anderthalbstündigen Film kommt der Zuschauer an keiner Stelle zu kurz. Die Geschichte ist niemals langweilig und ebenso voll von unerwarteten Wendungen wie interessanten Einblicken in Gesellschaftsteile, die nur selten portraitiert werden.

Die Regisseure umgeben sich in der Postproduktion mit einem fähigen Team und beweisen neben ihrem Mut auch ihr Talent für Ton und Bild. Die eigentliche Low-Budget Produktion, die sich unter anderem über Kickstarter finanziert hat, überzeugt durch hervorragende Aufnahmen und einen maßgeschneiderten Soundtrack aus Ambient-Sounds und sanfter Elektronik. Über den ein oder anderen eigensinnigen Schnitt lässt sich leicht hinwegsehen, schließlich haben sie mit dem Cutter Simon Coldrick eine prämierte Hollywood-Größe im Team. Vielleicht fühlt sich der Film deshalb oft nach großer Leinwand an.

Farrier und Reeve nehmen in ihrer Erzählung die Rolle der Protagonisten ein. Was unüblich scheint, ist aber nachvollziehbar, denn die beiden werden schon zu Beginn des Films ein Teil der packenden Geschichte. Mutig und ehrlich bahnen sie sich einen Weg durch Einschüchterungen und Sackgassen. Ihre Zwischenergebnisse nutzen sie, um auf Kickstarter mobil zu machen. Eine Taktik die aufgeht, auch wenn sich viele Unterstützer im Nachhinein unzufrieden geben mit der anderthalbjährigen Planungsüberschreitung.

Der Film ist eine große Wundertüte an Spannung, Humor und Psychoterror, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Geschichten wie diese findet man nur im realen Leben. Weiter unten findet ihr noch ein paar Gedanken zu den Themen des Films und Charakteren des Films.


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In den letzten Sätzen des Films bezeichnet Dorothy ihren Stiefsohn David D’Amato als eine gespaltene Persönlichkeit zwischen Genie und Wahnsinn („I think he has a split personality, just like that fine line between genius and insanity“). Und in vielerlei Hinsicht trifft diese Aussage zu . D’Amato war stets in der Lage, Spuren zu verwischen, nur um rechtliche Drohgebärden zu simulieren, schloss er sogar ein Studium ab. Auch der Wechsel zwischen verschiedenen Alias fiel ihm nicht schwer. Er fälschte eine Vielzahl an Dokumenten offenbar gut genug um Tote wieder auferstehen zu lassen und entwickelte unter ihren Namen Strategien zur systematischen Ausnutzung und Erniedrigung junger Männer. Sie sind so morbide und pervers wie effektiv, sodass sich keiner der Betroffenen äußern will aus Angst wieder in den Fokus von D’Amatos Angriffen zu geraten.

D’Amato zeigt uns wie viel Unheil eine fehlgeleitete Person mit zu viel Geld und Macht anrichten kann. Und wie selbst etwas vermeintlich Unschuldiges als Waffe gegen Menschen genutzt werden kann, indem es mit persönlichen Angriffen an die richtigen Menschen geschikt wird. An keiner Stelle des Films wird der sexuelle Aspekt der Videos verschwiegen. Im Gespräch mit dem Filmemacher und Kitzel-Fetishisten Richard Ivey wird er als das thematisiert, was er ist: eine harmlose Art von Folterspiel, bei dem niemand zu Schaden kommt.  Der Ursprung des Problems liegt also nicht hier sondern in der Maßlosigkeit eines einzigen Menschen und dessen rigorose Befriedigung in Form von Machtspielen und Psychoterror.