Am 7. Februar jährt sich erstmals der Tod des deutschen Publizisten, Radio- und Fernsehmoderatoren Roger Willemsen. Über seine 60 Lebensjahre hinweg hat er als Autor und Herausgeber eine Vielzahl von Schriftstücken veröffentlicht. Das Themenspektrum der Romane, Bildbände und Textsammlungen reicht von seinen Studienfächern Germanistik, Philsophie und Kunstgeschichte über Politik und Menschenrechte bis hin zu Schilderungen von Reisen und Begegnungen mit Zeitgenossen.

Seine vor Kurzem posthum erschienene „Zukunftsrede“ mit dem Titel „Wer wir waren“ sollte eigentlich zu einem Buch ausgearbeitet werden, die Nachricht über sein Krebsleiden Ende 2015 beendigte jedoch Willemsens Arbeiten und das Buch musste aus mehreren Quellen aus seinem Nachlass konstruiert werden. Nichtsdestotrotz zeichnen die knapp 50 Seiten ein scharfes Bild der heutigen Gesellschaft aus den Augen eines melancholischen Denkers, eines kritischen Analysten, eines scharfsinnigen Zeitgenossen.


„Wenn man es genau bedenkt, ist vom Anfang aller Tage an alles immer schlechter geworden. Luft und Wasser sowieso, dann die manieren, die politischen Persönlichkeiten, der Zusammenhalt unter dern Menschen, das Herrentennis und  das Aroma der Tomaten.“

Der Titel des Buches spielt auf das Gedankenexperiment an, das sich der Autor zur Schilderung der heutigen Gesellschaft zunutze macht: Wie werden wir in Zukunft auf die jetzige Gegenwart zurückblicken? Wird es ein Zurückschauen voll Reue und Bedauern oder werden wir Potentiale erkennen, die uns vorangebracht haben werden? Er wählt diese Perspektive bewusst, da es einen Gegenstand gibt, dessen zukünftige Entwicklung das Vorstellungsvermögen übersteigt. Denn anders als Straßenlaternen, die dem Fußgänger folgen und Häuser, die Gehirnströme messen, können wir kaum vorhersagen, wie sich das menschliche Bewusstsein Seite an Seite mit bisher Unentdecktem weiterentwickelt haben wird.

Willemsen wirft einen Blick auf die Gesellschaft von Industriestaaten und deren Umgang mit fortschreitender Technisierung und Globalisierung sowie deren Folgen für das Individuum. Dabei scheinen wir in seinen Augen zunächst gefangen in beschleunigender Reizüberflutung, die uns teilnahmslos und Selbstentfremdung, die uns unsensibel gegenüber anderen stimmt. Denn obwohl wir die moralischen Anforderungen an uns hochsetzen, verliert sich unser Tatendrang im Sammeln von Informationen und Meinungen, fast als ob wir die Konsequenzen aus unserem Wissen erst in einer immmer weiter entfernten Zukunft wollen. Was durchaus kulturpessimistisch auftaktet weicht jedoch einem hoffnungsvollen Ausklang. Denn am Ende ist die Menschheit immer an Herausforderungen gewachsen. Und davon wird es auch in Zukunft viele gegeben haben.

Das zweistündige Buch ist jedem ans Herz zu legen, der keine Probleme mit komplizierten Satzbauten zwecks Futurum II („Ich werde gewesen sein“) hat und der sich gerne kritisch mit Themen wie etwa Gesellschaft, Konsum oder Social Media auseinandersetzt.


„Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“

Roger Willemsen

© ROBA Images