Zeitungen für Post-Millennials

Linus, 08.12.2016:


Seriöse Nachrichten haben heute einen schweren Stand. Seit Brexit und US-Wahl wurde das postfaktische Zeitalter ausgerufen. In weiten Teilen der Bevölkerung steigt das Misstrauen gegenüber den traditionellen Medien, was sich in Lügenpresse-Parolen manifestiert. Fake News machen die Runde, sollen sogar Trumps Wahlsieg maßgebend ermöglicht haben und Mark Zuckerburg persönlich hat ihnen den Kampf angesagt:

 

Ein wichtiger Schritt, nutzen doch laut einer Studie von Media Insight Project  88% der amerikanischen Millennials facebook als Nachrichtenquelle. Ein Ort, an dem über 3/4 der Jugendlichen richtigen Journalismus nicht von gesponserten Anzeigen unterscheiden können.

Die Lösung ist eigentlich naheliegend. Redaktionelle, recherchierte und gewissenhafte Nachrichten, wie sie die Generationen X und Y bereits seit Jahren aus Zeitungen und Magazinen kennen. Doch das erreicht die Generation Z nur bedingt. Also braucht es Medien, die ihren Lese- und Sehgewohnheiten gerecht werden. Dafür gibt es nun eine App. Sie heißt Resi und wurde jüngst von Apple zu einer der besten Apps des Jahres gekürt.

das Logo der App Resi

Resi: der Retter der Nachrichten?

das Kennenlernen

Bei Resi werden Bots eingesetzt, die mit dem User chatten. Ja, richtig gelesen. Bots schreiben nicht nur bereits Artikel, sondern unterhalten sich ab sofort auch mit den Jugendlichen um Ihnen diese Artikel in konsumierbaren Häppchen zu servieren. Unterhaltung ist hierbei recht euphemistisch formuliert. Es handelt sich eher um einen Monolog des Bots, der verschiedene Themen aufbringt. Der User hat dann ein bis drei vorgegebene Antwortmöglichkeiten, mit denen er den Monolog in verschiedene Richtungen lenkt. Konkret kann der User also sagen, dass er mehr über ein Thema wissen möchte, oder lieber zum nächsten übergehen würde. Am Ende eines Themas erhält der User einen weiterführenden Link, der dann endgültig den Wissenshunger stillen soll. Das Gespräch wird dabei mit lustigen GIFs aufgelockert und soll so die Jugendlichen bei der Stange halten. Das Ganze kommt in Chat-Optik daher, die den Jugendlichen bereits von WhatsApp oder dem facebook Messenger vertraut ist.

der erste Streit

der Startbildschirm der App Resi

Ein strukturell guter Ansatz, um die Jugend an Nachrichten heranzuführen, doch der Inhalt fällt bei erster Betrachtung leider etwas mau aus. Für meinen Geschmack werden zu häufig sogenannte „tragische Unglücke“ vorgeschlagen, also Flugzeugabstürze oder Brand- und Erdbebenkatastrophen . Außerdem sind die Quellen auf die sich die Nachrichten stützen nicht unbedingt die angesehensten. BILD oder Welt werden hier dem unbedarften, jungen User zum Weiterlesen angeboten.

Auch der sogenannte Longread – der neueste Anglizismus für einen langen Artikel – enttäuscht. Heute ist es ein Artikel über Katzen, der mit 8 Minuten Lesezeit angegeben wird, in 6 Minuten gelesen ist und ohne weiteres auch auf 4 Minuten hätte gekürzt werden können. Hier erfährt der junge Leser, dass Mick Mick eine faule Katze ist, Katzen im allgemeinen Altruisten sind, und Katzenbisse gefährlich. Sehr erhellend.

Gut, denke ich, wer sollte überrascht sein? Schließlich steht hinter der App Martin Hoffmann, der ehemalige Leiter der Social-Media Redaktion des Welt-Studios. Der hatte mit ein paar Kollegen eigentlich eine gute Idee – aber eben mit den falschen Kollegen. Und so verkommt Resi leider nur zu einem geschickten Lockmittel für junge Lesern von BILD und Welt. Das passende GIF zu meinem ersten Eindruck liefert mir, ironischer Weise, Resi selbst:

Resi legt eine Bruchlandung hin

mein erster Eindruck von Resi: gute Idee, schlechte Umsetzung

die Versöhnung

Doch anscheinend lernt die App dazu. Nicht nur werden mir nach einiger Verwendung deutlich weniger „tragische Unglücke“ vorgeschlagen, auch die Qualität der Quellen hat sich gewandelt. So sind es nun statt Bild und Welt, FAZ und Süddeutsche die die Nachrichten liefern. Zudem schlägt die App zu manchen Themen eigens angefertigte, verständliche, kurze Hintergrundinformationen vor.

Zwar stecken zwischen den relevanten Themen, immer wieder Klatsch und Tratsch, aber die Mischung ist wohl notwendig um das Interesse der Jugendlichen hoch zu halten und ist auch recht ausgewogen.

Insgesamt also doch noch ein versöhnlicher Abschluss mit Resi. Die App ist vielleicht nicht der Retter der Nachrichten, aber momentan doch einer der besten Ansätze um Jugendliche zu informieren und für Nachrichten zu begeistern. Bleibt nur noch die Frage offen, was die Jugend selbst davon hält.

 

Millenials und ihre Eltern auf der Couch

Staunen nicht schlecht, über die neuen Nachrichtenformen… [Quelle: WSJ]

Nächster Beitrag →

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar